Theologisch-Pädagogisches Institut (TPI) in Moritzburg

Materialien zur Reformation [www.tpi-moritzburg.de/reformation/]



 

Die Reformation und die Juden

Eine Orientierung. Erstellt im Auftrag des wiss. Beirates für das Reformationsjubiläum 2017

(Aus dem Vorwort)

Martin Luther hat mit dem unter die Gründe seiner Exkommunikation aufgenommen Satz, Ketzer dürften nicht vernichtet werden (“Ketzer verbrennen ist wider den Heiligen Geist“), das überlieferte Leitbild des kirchlich-weltlichen corpus christianum im Prinzip infrage gestellt. Mit seiner Aufforderung, man solle die Geister unterschiedlicher Glaubensüberzeugungen „aufeinander platzen“ und die Wahrheit in freier Debatte siegen lassen, hat er einen alternativen, auf weltliche Einflussnahme verzichtenden Weg für den Umgang mit unterschiedlichen Überzeugungen verfochten. Mit dem immer wiederholten Leitsatz, der Glaube sei eine von Gott selbst im Inneren des Menschen hervorgebrachte, in keiner Weise politisch erzwingbare persönliche Überzeugung, hat er die theologische Begründung für jene Maximen geboten.

Freilich ist das nur die eine Seite der Geschichte. Der Theologe und Philosoph Ernst Troeltsch hat diese Doppelgesichtigkeit der Reformation einst in dem Satz zusammengefaßt, der Protestantismus sei in seinen Grundzügen und Ausprägungen zunächst weitgehend mittelalterlich geblieben; „das Unmittelalterliche, Moderne, das in ihm unleugbar bedeutsam enthalten ist, kommt als Modernes erst voll in Betracht, nachdem die erste … Form des Protestantismus zerbrochen ist.“ Das gilt insbesondere für Leitbild und Realisierung der christlichen Gesellschaft. Und das wird an keinem Punkt so deutlich wie am Umgang mit den Juden. Denn die Juden waren seit der Ausbildung des kirchlich-weltlichen corpus christianum der Sonderfall, der sich diesem Modell nicht integrieren ließ und nur mit Ausgrenzung zu beantworten war.

Die Verbindung von Rassenantisemitismus und Teilen des Protestantismus erwies sich als ein in besonderer Weise deutsches Phänomen. Für die deutschen evangelischen Kirchen stellt sie den Tiefpunkt ihrer Geschichte dar. Sie haben in den vergangenen Jahrzehnten ihren Anteil an der deutschen Schuldgeschichte bekannt, zu der auch die Wiederanknüpfung an Luthers späte Judenschriften gehört. Diese gelten ihnen heute - wie früher für lange Zeit - wieder als mit den Grundsätzen seiner eigenen Theologie und dem Neuen Testament schlechterdings unvereinbar. Mit der Bejahung der religiösen Neutralität des Staates und gleicher Rechte für alle Religionsgemeinschaften, allen voran das Judentum, tragen die evangelischen Kirchen dazu bei, den institutionellen Riegel zu festigen, der eine Wiederkehr der Entrechtung und Verfolgung von Juden dauerhaft verhindert


Folgende Punkte werden diskutiert:

1) Luthers programmatische Aussagen zum Umgang mit den Juden: konträre Bestimmungen des Verhältnisses von Religion und politischem Gemeinwesen

2) die Rezeption von Luthers programmatischen Aussagen über den Umgang mit den Juden: eine Geschichte der Brüche und der Mehrgleisigkeit

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Link-Referenzen:
[1] https://www.luther2017.de/fileadmin/luther2017/material/Grundlagen/lutherdekade_reformation_und_die_juden.pdf

 
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Stand: 07.12.2019 | https://www.tpi-moritzburg.de/reformation/_script/dbDetail_material.asp


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